«Pressure»: Ein Wetterbericht am D-Day schreibt Geschichte

Andrew Scott
© Christoph Soeder/dpa

Neu im Kino

Berlin (dpa) - Es ist schon eine Kunst, einen Film, dessen Ende man bereits kennt, spannend zu halten. Besonders, wenn es auch noch um das Wetter geht. Der neue Thriller «Pressure» gehört zu genau solchen Filmen – und er beweist, dass es auf jeden Fall funktionieren kann.

«Pressure» (auf Deutsch: «Druck») erzählt von den Ereignissen vor dem D-Day im Jahr 1944, der den Auftakt der Befreiung Frankreichs und Westeuropas von der Nazi-Herrschaft markiert. Der Beginn der Invasion war ursprünglich für den 5. Juni 1944 angesetzt, wurde wegen des Wetters aber auf den 6. Juni verschoben. 

Wie wird das Wetter? Es steht viel auf dem Spiel

Deshalb nimmt der neue Film von Anthony Maras («Hotel Mumbai»), der auf dem gleichnamigen Theaterstück von David Haig basiert, die meteorologischen Prognosen in den Blick. Die Geschichte hat einen historischen Kern, ist jedoch fiktionalisiert. 

Klar ist, dass das Wetter ein unwägbarer Faktor bleibt. Es entscheidet maßgeblich mit darüber, ob die Invasion der Alliierten in der Normandie gelingt oder nicht. Der Deutsche Wetterdienst schreibt rückblickend über die Bedeutung der Prognose, es könne mit Fug und Recht behauptet werden, «dass diese Wettervorhersage im Jahr 1944 eine der wichtigsten in der Geschichte werden sollte».

Es steht also sehr viel auf dem Spiel. Das weiß auch der Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte in Westeuropa und der spätere US-Präsident Dwight D. Eisenhower, verkörpert von Oscar-Preisträger Brendan Fraser («The Whale»). Er muss entscheiden, ob die Invasion wie geplant beginnen kann oder verschoben werden muss. 

Machtkämpfe zwischen den Meteorologen

Drei Tage vor dem angesetzten Termin soll Großbritanniens oberster Meteorologe James Stagg (Andrew Scott) daher eine Wetterprognose erstellen und eine klare Einschätzung geben. Doch Stagg prallt als neuer leitender Meteorologe schnell auf Widerstände, auch und vor allem im eigenen Team. 

Besonders der rivalisierende US-Meteorologe Irving P. Krick (Chris Messina) stellt ihn auf die Probe. Denn die beiden setzen auf völlig unterschiedliche Methoden. Während Stagg mit seinem Team alle möglichen aktuellen, meteorologischen Daten zahlreicher Wetterstationen analysiert, leitet Krick aus historischen Wetterkarten seine Prognosen ab.

Was «Pressure» so spannend macht

Spannend ist der Film deshalb, weil es vordergründig zwar ums Wetter geht, im Kern aber um Machtkämpfe, Wahrheit, Fakten, politische Verantwortung und die Frage, wie ernst man wissenschaftliche Erkenntnisse nimmt. Das zeigt sich daran, wie unterschiedlich die Prognosen von Stagg und Krick ausfallen. Während Stagg einen gefährlichen Sturm mit Regen, eingeschränkter Sicht und hohem Wellengang voraussieht, was einen Einsatz unmöglich machen würde, spricht Krick dagegen von heiterem Wetter und klarem Himmel. 

Wem sollte man nun glauben? Das ist eine der Kernfragen von «Pressure», die Eisenhower und die hochrangigen Offiziere umtreibt. Sie wollen Staggs Prognose nicht wahrhaben und zweifeln, erst recht, als der Fachmann vorschlägt, den D-Day wegen der Wetterverhältnisse sogar noch einmal um rund zwei Wochen nach hinten zu verschieben. Es wird befürchtet, dass die Deutschen bis dahin von den Plänen erfahren und sie durchkreuzen könnten.

An einer Stelle sagt Stagg, man müsse sich den Fakten stellen, auch wenn das beängstigend sei. Andrew Scott («All of Us Strangers», «Sherlock») spielt den Meteorologen zurückgenommen als wortkargen, effizienten und verschlossenen Mann, zeigt aber auch dessen sensible Seite. Damit bildet er einen starken Kontrast zum aufbrausenden Eisenhower, der die Operation um jeden Preis zum Erfolg führen will. Er ist zwischen militärischer Notwendigkeit und persönlicher Verantwortung für das Leben Tausender Soldaten hin- und hergerissen.

Trotz bekanntem Ausgang von D-Day bleibt es spannend

Immer wieder merkt man den Figuren an, unter welch immensem Druck sie stehen. Und das ist auch die große Stärke des herausragend besetzten Films, der überwiegend in Büroräumen des damaligen Hauptquartiers der Alliierten in einer Villa nahe der englischen Stadt Portsmouth spielt. Obwohl der Ausgang des D-Day und letztlich des Zweiten Weltkriegs bekannt ist, bleibt die Stimmung durchgehend angespannt.

Die entscheidende Frage lautet nicht, ob die Invasion stattfinden wird, sondern wie die Menschen mit der quälenden Verantwortung umgehen, die auf ihren Schultern lastet. Gerade weil die eher konventionell erzählte Handlung fast ausschließlich aus Gesprächen, Prognosen, Streitigkeiten und Beratungen besteht, wird deutlich, wie viel eigentlich auf dem Spiel steht.

Actionreiches Ende, das es nicht gebraucht hätte

Da wirkt das Ende des Films mit Action- und Kriegsszenen von der Landung an der französischen Küste geradezu wie ein Bruch. Bis dahin kreist die Geschichte vor allem um Stagg und den Druck vor dem D-Day in einem eher konzentrierten Kammerspiel. Die pathetisch inszenierten Actionbilder stehen dazu in einem starken Kontrast – das hätte es nicht gebraucht. Trotzdem bleibt «Pressure» ein packender Film, der zeigt, wie dramatisch eine Wetterprognose sein kann, wenn von ihr das Schicksal Tausender Menschen abhängt.

© dpa-infocom, dpa:260916-930-691912/1
Brendan Fraser
Brendan Fraser verkörpert den späteren US-Präsidenten Eisenhower. (Archivbild)© Arthur Mola/Invision/AP/dpa
Brendan Fraser verkörpert den späteren US-Präsidenten Eisenhower. (Archivbild)
© Arthur Mola/Invision/AP/dpa

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