Haut juckt wie verrückt: Was hinter einer Nesselsucht steckt

Skulpturale Fassung von Le Specs
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Quaddeln überall!

Mönchengladbach/Hamburg (dpa/tmn) - Bei der Nesselsucht ist der Name Programm: «Sie können es sich so vorstellen, als ob Sie in Brennnesseln landen», sagt Sonja Lämmel vom Deutschen Allergie- und Asthmabund (DAAB). Auch der medizinische Fachbegriff «Urtikaria» ist abgeleitet vom lateinischen «urtica», der Nessel.

Die Nesselsucht zählt zu den häufigen Hauterkrankungen. Nach Angaben des DAAB hat jeder Vierte so einen Hautausschlag schon einmal erlebt. Sechs wichtige Fragen - und Antworten darauf. 

1. Wie zeigt sich eine Nesselsucht?

Bei der Urtikaria rötet sich die Haut plötzlich, und bald sind blassrote bis rote Erhebungen zu sehen, sogenannte Quaddeln. Diese können klein wie ein Stecknadelkopf sein - oder so groß wie eine Handfläche. Die betroffene Haut spannt und brennt. Das Schlimmste, sagen Betroffene, ist aber der Juckreiz.

«Die Quaddeln halten maximal 48 Stunden an, verschwinden dann und können an einer anderen Stelle wieder auftreten», sagt Ulrich Ohnemus, Mitglied im Berufsverband der Deutschen Dermatologen. «Manchmal ist es ein einmaliges Geschehen, manchmal kann die Urtikaria über eine längere Zeit immer wiederkommen.» 

Auch ein sogenanntes Angioödem kann auftreten. Das sind starke Schwellungen im Unterhautbereich, zum Beispiel an Fußsohlen, Handflächen oder auch im Gesicht.

Hält die Quaddelbildung länger als sechs Wochen an, spricht man von einer chronischen Nesselsucht. «Alles, was darunter liegt, ist eine akute Urtikaria», so der Dermatologe. 

2. Was können Auslöser für eine Nesselsucht sein?

Insgesamt gibt es ganz unterschiedliche Auslöser. Das kann ein vorhergehender Infekt sein oder die Einnahme von Medikamenten, etwa Schmerzmittel wie ASS oder Ibuprofen. «Es gibt auch Formen der Nesselsucht, die durch Blutdrucksenker, sogenannte ACE-Hemmer, gefördert werden», sagt Hautarzt Ulrich Ohnemus.

Eine Nesselsucht kann auch entstehen, wenn sich das körpereigene Immunsystem gegen sich selbst richtet. «Man vermutet, dass bestimmte Formen der chronischen Urtikaria durch solch eine Autoimmunreaktion hervorgerufen werden», sagt der Dermatologe. Ebenso sind hormonelle Auslöser möglich.

Daneben gibt es auch sogenannte physikalische Auslöser. Das können Kälte, Wärme, UV-Strahlung oder auch Druck sein. «Letzteres ist besonders unangenehm an den Fußsohlen. Menschen werden dann, wenn sie viel laufen, von Schwellungen gequält», sagt Ohnemus. Auch wenn ein Kleidungsstück scheuert, kann das Quaddeln und Juckreiz auslösen.

Bei entsprechend veranlagten Personen können auch Stress oder psychische Belastungen eine Urtikaria bewirken. Und: Wenn jemand Asthma, Heuschnupfen und/oder Neurodermitis hat, ist er genetisch veranlagt, zusätzlich eine Urtikaria zu entwickeln.

Der Knackpunkt ist: Ganz oft weiß man nicht, was genau hinter der Nesselsucht steckt. Sonja Lämmel rät daher, eine Art Tagebuch zu führen. «Wann kommen meine Schübe? Vielleicht immer dann, wenn ich am Strand spazieren gehe und mit Sonne in Kontakt komme? Wenn ich aus der Sauna komme oder im See baden war?», sagt die DAAB-Expertin. Auf diese Weise lässt sich vielleicht ein Auslöser finden – den man dann gezielt versuchen kann, zu meiden.

3. Wann sollte man mit einer Nesselsucht zum Arzt?

Tritt eine Nesselsucht das erste Mal auf, ist sie ein schockierendes Erlebnis.«Wenn Sie auf einmal von oben bis unten einen Ausschlag bekommen, der juckt, dann werden Sie von sich aus zum Arzt gehen», sagt Sonja Lämmel. Anlaufstellen sind Haus- oder Hautarztpraxis. 

Gesellen sich zum Hautausschlag Atemnot und Kreislaufprobleme, sollte man in die Notaufnahme gehen. Das sind nämlich Anzeichen für eine lebensbedrohliche allergische Reaktion. 

4. Was hilft bei Nesselsucht?

Gut ist natürlich zu wissen, was die Erkrankung ausgelöst hat. Arzt oder Ärztin stellen dazu Fragen, um mögliche Trigger herauszufinden. 

Gleichzeitig müssen die Symptome gelindert werden, um aus dem Teufelskreis des Juckreizes herauszukommen. Denn Kühlen oder Ähnliches hilft bei Nesselsucht kaum.

Das erste Mittel der Wahl sind sogenannte Antihistaminika. Eine Salbe hilft nur ungenügend, hilfreicher sind Tabletten oder Tropfen. «Meistens steht auf dem Beipackzettel: "eine Tablette täglich"», sagt Ulrich Ohnemus. «Das reicht bei einer Urtikaria meist nicht aus, deshalb kann man auch über den Tag verteilt bis zu vier Tabletten nehmen.»

Manchmal ist auch eine Kombination mehrerer Antihistaminika erforderlich - hier sollte man aber lieber nicht auf eigene Faust experimentieren, sondern Rücksprache mit Arzt oder Ärztin halten. 

Als nächste Stufe kann vorübergehend Kortison zum Einsatz kommen. «In sehr seltenen, extrem akut ausgeprägten Formen muss man Kortison auch intravenös geben», sagt der Dermatologe. «Das gilt vor allem bei Gesichtsschwellungen, dem Angioödem, wenn man schon ein Kloßgefühl im Hals hat.»

5. Was kann man tun bei chronischer Urtikaria?

Zuerst einmal sind auch hier Antihistaminika und gegebenenfalls vorübergehend Kortison angeraten. «Antihistaminika kann man bedenkenlos dauerhaft einnehmen», sagt Hautarzt Ohnemus. Anders sieht es bei Kortisontabletten aus. 

Für Fälle, die mit Antihistaminika und gelegentlichem Kortison nicht beherrschbar sind, steht Weiteres zur Verfügung. «Seit einigen Jahren gibt es Antikörpertherapien mit einem sogenannten IgE-Antikörper, Omalizumab», sagt Ohnemus. «Dabei behandelt man die Urtikaria mit einer Immuntherapie mittels Spritzen.»

Gerade die chronischen Formen der Nesselsucht sind psychisch belastend. Hier kann Sonja Lämmel zufolge der Austausch mit anderen helfen - etwa in einer Selbsthilfegruppe. 

Zudem können chronisch an Nesselsucht Erkrankte psychologische Beratung suchen, wie sie unter anderem auch der DAAB anbietet. «Es geht einfach darum, in Krisenzeiten mit jemandem zu sprechen, und vielleicht individuell kleine Hilfen zu erarbeiten, die den Alltag gestaltbarer und die Situation nicht so belastend machen», sagt Sonja Lämmel.

6. Hilft eine Ernährungsumstellung bei Nesselsucht?

Spezielle Diäten sind nicht unbedingt sinnvoll – außer, es gibt einen begründeten Verdacht, dass ein Nahrungsmittel der Auslöser für die Nesselsucht sein könnte. Nach Ansicht von Ernährungswissenschaftlerin Sonja Lämmel schieben Patienten und Patientinnen eine Nesselsucht oft zu schnell auf die Ernährung.

«Genug Studien haben ergeben, dass die Ernährung wirklich nur bei einem winzigen Teil der Patienten eine Rolle spielt», sagt sie. Zu schnell könne man in einen Diätenwahn geraten und immer mehr Dinge weglassen, ohne dass es hilft.

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Fassung in Nude von Le Specs
Derzeit häufig zu sehen: Fassungen in Nude, wie bei diesem Modell von Le Specs (ca. 65 Euro).© Le Specs/dpa-tmn
Derzeit häufig zu sehen: Fassungen in Nude, wie bei diesem Modell von Le Specs (ca. 65 Euro).
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