Gewalt in Stade: «Was die gesehen haben, hinterlässt Spuren»

Schüsse in Jugendeinrichtung - Mehrere Tote in Stade
© NWM-TV/dpa

Tödliche Schüsse

Stade (dpa) - Nach den tödlichen Schüssen in einer Jugendhilfeeinrichtung im niedersächsischen Stade kommen erste Details zum mutmaßlichen Täter und seinem Motiv ans Licht. Hintergrund der Tat war vermutlich ein Sorgerechtsstreit, wie die Lüneburger Polizeipräsidentin Kathrin Schuol auf einer Pressekonferenz sagte. Beim Verdächtigen handelt es sich demnach um einen in Deutschland geborenen, 45-jährigen Mann mit türkischen Wurzeln aus dem Raum Hannover. 

Der mutmaßliche Täter hatte den Angaben nach in der Einrichtung einen Termin bezüglich des Sorgerechts für seine drei Monate alte Tochter - zusammen mit vielen seiner Opfer. Das Kind und die Mutter sind allerdings nicht unter den insgesamt sechs Toten.

Gegen den Mann lägen polizeiliche Erkenntnisse vor, unter anderem aus dem Bereich der Bedrohung, führte Schuol am Abend aus. Sie betonte aber, er habe bislang nicht als «absolut gewalttätig» im polizeilichen System gegolten. Die Polizei hatte den mutmaßlichen Schützen bereits am Nachmittag festgenommen.

Nach Angaben eines Sprechers der Staatsanwaltschaft wurde bisher kein Haftbefehl für den Mann erlassen. Es sei noch offen, ob und wann dieser am Dienstag beantragt werde. Das hänge von den weiteren Ermittlungsergebnissen der Polizei ab. 

Die Polizei hat ein Hinweisportal eingerichtet. Über eine Website können Zeuginnen und Zeugen Hinweise sowie Fotos oder Videos direkt an die Ermittlerinnen und Ermittler übermitteln, wie die Polizei mitteilte. «Jeder Hinweis kann für die laufenden Ermittlungen von Bedeutung sein.»

Mutmaßlicher Täter flüchtete zunächst

Gegen 12.00 Uhr waren mehrere Notrufe bei der Leitstelle eingegangen. Der mutmaßliche Täter floh offiziellen Angaben zufolge zunächst als Beifahrer in einem Auto, das von einer Frau gesteuert wurde. Polizeikräfte hätten den Wagen verfolgt und Schüsse abgegeben. Diese hätten möglicherweise zu platten Reifen beim Tatfahrzeug geführt, schilderte der Polizeivizepräsident der Polizeidirektion Lüneburg, Jörg Wesemann.

Schließlich wurden der Verdächtige und die Fahrerin festgenommen. Die Frau habe eine enge Verbindung zur Familie des Mannes, sagte Schuol. 

Man ermittele derzeit auf Hochtouren. Wesemann kündigte zudem an, dass wahrscheinlich eine Mordkommission eingerichtet werde.

Alle Todesopfer waren Mitarbeiter der Jugendeinrichtung

Insgesamt sind nach der Gewalttat sechs Erwachsene tot. Die Opfer sind nach Angaben von Schuol alle Mitarbeiter der Jugendeinrichtung. Wie die Polizei zuvor bereits mitteilte, starben fünf Erwachsene vor Ort, eine sechste Person erlag im Krankenhaus ihren Verletzungen. Unter den Opfern sind laut Schuol vier Frauen und zwei Männer. Weitere Menschen sind verletzt, zum Teil schwer. 

Die Tatwaffe sei von der Polizei sichergestellt worden, erklärte Schuol. Unklar ist noch, wie der mutmaßliche Täter an die Waffe gekommen ist. Er habe jedenfalls keine waffenrechtliche Erlaubnis zum Führen der Waffe gehabt, so die Polizeipräsidentin.

Neben der weiteren Ermittlungen betonte Schuol auch die Bedeutung der Betreuung der Angehörigen und Betroffenen. «Allen Angehörigen möchte ich an dieser Stelle noch einmal mein tiefes Beileid aussprechen», erklärte sie. Neben den getöteten Opfern gebe es auch weitere Opfer, «die im weitesten Sinne sekundär betroffen sind und traumatisiert sind». Sie bezog sich dabei etwa auf weitere beteiligte Menschen vor Ort, wie die polizeilichen Einsatzkräfte, die Leitstelle und den eingesetzten Rettungsdienst und die Ärzte und Pfleger. «Auch hier gilt unser ausdrückliches Mitgefühl und wir sind alle in Gedanken bei allen Personen.»

Wesemann betonte, dass auch die eigenen Polizeikräfte zeitnah betreut würden. «Denn was die gesehen haben, hinterlässt Spuren, auch bei den erfahrensten Beamten.»

«Kaltblütige» Tat

Niedersachsens Innenministerin Daniela Behrens (SPD) sprach auf der Pressekonferenz von einer «kaltblütigen» Tat. Sie bezeichnete die Tat zudem als singulären Fall. Es gebe keine Verbindungen zu anderen Bereichen. In der Stadt westlich von Hamburg hatten zuletzt im vergangenen Jahr Ausschreitungen zwischen zwei Großfamilien bei einem Mordprozess für Schlagzeilen gesorgt.

Dieser Fall habe nichts mit früheren Fällen zu tun, sagte die SPD-Politikerin am Abend und betonte: «Ich bin mir sicher, dass diese schreckliche Tat Stade lange beschäftigen wird. Und sie wird auch Spuren hinterlassen.»

© dpa-infocom, dpa:260629-930-303608/17
Schüsse in Jugendeinrichtung - Mehrere Tote in Stade
Einsatzkräfte riegelten den Tatort ab.© Fabian Höfig/NEWS5/dpa
Einsatzkräfte riegelten den Tatort ab.
© Fabian Höfig/NEWS5/dpa

Weitere Meldungen